Wildschaden an Baumpflanzungen

Der Bun­des­ge­richts­hof hat ein aktu­ell bei ihm anhän­gi­ges Revi­si­ons­ver­fah­ren zum Anlass genom­men, zur Bemes­sung des Wild­scha­dens an Baum­pflan­zun­gen einer Forst­wirt­schaft Stel­lung zu neh­men:

Wildschaden an Baumpflanzungen

In dem ent­schie­de­nen Fall stand die Ver­pflich­tung des beklag­ten Jagd­päch­ters aus § 29 Abs. 1 BJagdG zum Ersatz des im Win­ter 2004/2005 ange­fal­le­nen Wild­scha­dens zwi­schen den Par­tei­en dem Grun­de nach nicht im Streit. Strei­tig war allein die Bemes­sung des dem Klä­ger hier­nach zuste­hen­den Scha­dens­er­sat­zes.

Für Art und Umfang des gemäß § 29 Abs. 1 BJagdG zu leis­ten­den Wild­scha­dens­er­sat­zes ist auf die Rege­lun­gen des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs (§§ 249 ff BGB) abzu­stel­len; dies ent­spricht der ein­hel­li­gen und auch vom Bun­des­ge­richts­hof geteil­ten Ansicht in Recht­spre­chung und Schrift­tum1. Hin­sicht­lich des Umfangs der Ersatz­pflicht wer­den die all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der §§ 249 ff BGB durch § 31 BJagdG ergänzt, nach des­sen Absatz 2 einer­seits der vor­aus­sicht­li­che Absatz­ver­lust zum Zeit­punkt der Ern­te und ande­rer­seits die Mög­lich­keit zu berück­sich­ti­gen ist, ob der Scha­den nach den Grund­sät­zen einer ordent­li­chen Wirt­schaft durch Wie­der­an­bau (Neu­be­pflan­zung) aus­ge­gli­chen wer­den kann.

Der Scha­dens­er­satz für die Beschä­di­gung von Forst­pflan­zen rich­tet sich nicht nach der Wert­min­de­rung des Wald­grund­stücks2.

Zwar kommt es im All­ge­mei­nen beim Scha­dens­er­satz wegen der Beschä­di­gung von Bäu­men nicht auf deren (Minder-)Wert, son­dern auf die hier­durch her­bei­ge­führ­te Min­de­rung des Wer­tes des Grund­stücks an, auf dem sie ste­hen. Denn Bäu­me wer­den mit dem Ein­pflan­zen regel­mä­ßig wesent­li­cher Bestand­teil des Grund­stücks und kön­nen des­halb nicht Gegen­stand eige­ner Rech­te sein, so dass ein Baum kein eige­nes schä­di­gungs­fä­hi­ges Rechts­gut dar­stellt, son­dern sei­ne Beschä­di­gung nur als Schä­di­gung des Grund­stücks eine Ersatz­ver­pflich­tung aus­löst (§§ 93, 94 Abs. 1 BGB)3.

Dies liegt jedoch anders, wenn und soweit Bäu­me — wie bei der Forst­wirt­schaft — zur wirt­schaft­li­chen Ver­wer­tung bestimmt sind, so ins­be­son­de­re dann, wenn ihre Anzucht der Ent­nah­me als Ver­kaufs­pflan­zen oder der Holz­pro­duk­ti­on dient; in die­sem Fal­le sind sie nur zu einem vor­über­ge­hen­den Zweck mit dem Grund und Boden ver­bun­den, somit blo­ßer Schein­be­stand­teil (§ 95 Abs. 1 Satz 1 BGB) und nicht wesent­li­cher Bestand­teil des Grund­stücks und daher auch mög­li­cher Gegen­stand eige­ner Rech­te4.

Die Ermitt­lung des Wer­tes der von Wild­scha­den betrof­fe­nen Forst­pflan­zen ist aller­dings typi­scher­wei­se mit erheb­li­chen Unsi­cher­hei­ten behaf­tet. Soweit die Bewer­tung der beschä­dig­ten zum Ver­kauf oder zur Holz­pro­duk­ti­on vor­ge­se­he­nen Bäu­me von den Gewinn­erwar­tun­gen der betei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se bezo­gen auf den häu­fig noch fern lie­gen­den Zeit­punkt der Ern­te abhängt, ist sie mit schwie­ri­gen Pro­gno­sen über künf­ti­ge Kos­ten und Erträ­ge ver­bun­den; hin­zu tre­ten Schwie­rig­kei­ten bei der Beur­tei­lung des Aus­ma­ßes des Wild­ver­bis­ses und sei­ner Aus­wir­kun­gen auf den Wachs­tums­fort­gang nur beschä­dig­ter, aber nicht zer­stör­ter Pflan­zen5. Da es für die Bemes­sung von Wild­schä­den an Forst­pflan­zen kei­ne all­ge­mein aner­kann­te oder herr­schen­de Metho­de gibt und in der Fach­welt unter­schied­li­che Bewer­tungs­ver­fah­ren ver­tre­ten wer­den, bleibt es Auf­ga­be des Tatrich­ters, den Scha­dens­um­fang im Rah­men des ihm nach § 287 Abs. 1 ZPO eröff­ne­ten wei­ten Spiel­raums auf­grund sach­ver­stän­di­ger Bera­tung im jewei­li­gen Ein­zel­fall zu ermit­teln. Wel­che Metho­de der Tatrich­ter zur Scha­dens­be­rech­nung anwen­det, steht — man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der Bestim­mun­gen — in sei­nem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen6.

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richt­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te das Beru­fungs­ge­richt nach sach­ver­stän­di­ger Bera­tung sei­ner Scha­dens­be­rech­nung die „Kos­ten­wert­me­tho­de” zu Grun­de gelegt. Die­se Metho­de unter­stellt, dass der Wert einer Pflan­ze oder eines Wald­be­stan­des der Sum­me der zum Bewer­tungs­stich­tag auf­ge­zins­ten Kos­ten (für Anschaf­fung, Pflan­zung und Pfle­ge) ent­spricht. Dem Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen hat das Beru­fungs­ge­richt den Kos­ten­wert der betrof­fe­nen Bäu­me bei un-gestör­ter Ent­wick­lung mit deren Kos­ten­wert nach Ein­tritt des Wild­scha­dens ver­gli­chen und die hier­aus resul­tie­ren­de Dif­fe­renz als Scha­den ange­nom­men.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te gegen die­se Bewer­tung kei­ne Ein­wän­de: Ange­sichts der dem Tatrich­ter eröff­ne­ten Metho­den­wahl sind hier­ge­gen auch von Sei­ten des Bun­des­ge­richts­hofs kei­ne Beden­ken zu erhe­ben. Ins­be­son­de­re kann die­se Metho­de nicht des­halb als mit § 31 Abs. 2 BJagdG unver­ein­bar ange­se­hen wer­den, weil die zum vor­aus­sicht­li­chen „Ern­te­zeit­punkt” zu erwar­ten­den Holz­prei­se nicht in den Blick genom­men wer­den. Inso­weit ist zu berück­sich­ti­gen, dass der eigent­li­che Sinn der Vor­schrift — exak­te Ermitt­lung der ein­ge­tre­te­nen Ertrags­min­de­rung kurz vor oder bei der Ern­te — bei Wild­schä­den und Jagd­schä­den an forst­wirt­schaft­lich genutz­ten Grund­stü­cken ohne­hin nur unvoll­kom­men zum Tra­gen kom­men kann, da sich hier das schä­di­gen­de Ereig­nis typi­scher­wei­se erst vie­le Jah­re oder gar Jahr­zehn­te spä­ter finan­zi­ell aus­wirkt7.

Auch die Auf­fas­sung, dass die Kos­ten für die Errich­tung, Unter­hal­tung und Pfle­ge der Ein­zäu­nun­gen bei der Scha­dens­be­rech­nung nicht mit zu berück­sich­ti­gen sei­en, weil es sich dabei nicht um einen Teil des Wild­scha­dens han­de­le, son­dern um Maß­nah­men der Wild­scha­dens­ver­hü­tung, lässt nach dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs Rechts­feh­ler nicht erken­nen8.

Auch bei der Berück­sich­ti­gung von Kul­tur­rei­ni­gungs­kos­ten zeigt sich der Bun­des­ge­richts­hof mode­rat: Auf Grund­la­ge der Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen hat das Beru­fungs­ge­richt für Kul­tur­rei­ni­gungs­kos­ten (Pfle­ge­maß­nah­men) einen Pau­schal­be­trag von 500 € pro Jahr und Hekt­ar Wald­flä­che ein­be­rech­net. Gegen die­sen Ansatz hat­te der Bun­des­ge­richts­hof kei­ne Ein­wän­de, eben­so­we­nig wie gegen die Ver­sa­gung eines Ent­mi­schungs­scha­dens, das heißt des­je­ni­gen Scha­dens, der durch die wild­ver­biss­be­ding­te Zurück­drän­gung von Misch­baum­ar­ten ent­steht. Die­ser ist zwar grund­sätz­lich ersatz­fä­hig, aller­dings erst, wenn auch der Ein­tritt einer wild­scha­dens­be­ding­ten „Ent­mi­schung” der Baum­be­stän­de fest­ge­stellt wer­den kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Novem­ber 2010 — III ZR 4510

  1. s. LG Frei­burg, NJW-RR 2000, 615, 616; LG Wup­per­tal, JE IX Nr. 148 = BeckRS 2010, 01830; LG Traun­stein, JE IX Nr. 164; Schuck/Stamp, BJagdG, § 29 Rn. 36 f und § 31 Rn. 1; Leon­hardt, Jagd­recht, Stand: August 2010, § 29 BJagdG Anm. 5.1; Kümmerle/Nagel, Jagd­recht in Baden-Würt­tem­berg, 9. Aufl., S. 178; Pardey/Blume, Jagd­recht in Nie­der­sa­chen, Stand: März 2009, § 29 BJagdG Anm. 6; Rose, Jagd­recht in Nie­der­sach­sen, 30. Aufl., § 29 BJagdG Anm. 6; Dree­s/­Thies/­Mül­ler-Schal­len­berg, Das Jagd­recht in Nord­rhein-West­fa­len, 5. Aufl., Stand: Novem­ber 2009, § 29 BJagdG Anm. I []
  2. a.A. LG Wup­per­tal aaO []
  3. BGH, Urtei­le vom 13.05.1975 — VI ZR 8574, NJW 1975, 2061 f.; und vom 27.01.2006 — V ZR 4605, NJW 2006, 1424 f Rn. 9 ff. m.w.N.; sie­he auch OLG Hamm, NJW-RR 1992, 1438; OLG Mün­chen, VersR 1995, 843, 844 []
  4. sie­he dazu BGH, Urteil vom 27.01.2006, aaO, S. 1424 Rn. 9; OLG Hamm, aaO, S. 1439; OLG Mün­chen aaO; Palandt/Grüneberg, BGB, 69. Aufl., § 251 Rn. 11; Schu­bert in Bamberger/Roth, BGB, 2. Aufl., § 249 Rn. 207 []
  5. vgl. dazu BGH, Urteil vom 14.03.1996 — III ZR 13993, NJW-RR 1996, 792, 793; Leon­hardt aaO Stand: März 2005, § 31 BJagdG Anm. 2.1.2; Schuck/Stamp aaO § 31 BJagdG Rn. 3 ff. []
  6. vgl. dazu BGH, Urtei­le vom 08.10.1981 — III ZR 4680, NVwZ 1982, 210, 212; vom 04.08.2000 — III ZR 32898, BGHZ 145, 83, 90 m.w.N.; vom 06.08.1997 — VIII ZR 9296, NJW 1998, 71, 75; und vom 16.12.2008 — VI ZR 4808, NJW-RR 2009, 715, 716 Rn. 16 []
  7. Leon­hardt aaO § 31 BJagdG Anm. 2.1.2; Schuck/Stamp aaO § 31 BJagdG Rn. 3 f []
  8. sie­he auch OLG Koblenz, JE IX Nr. 22 []