Der Rinderausbruch bei der Treibjagd

Der Jagd­aus­übungs­be­rech­ti­ge als Ver­an­stal­ter und Orga­ni­sa­tor einer gemein­schaft­li­chen Jagd ist dafür ver­ant­wort­lich, dass Drit­te nicht durch jagd­ty­pi­sche Gefah­ren zu Scha­den kom­men. Land­wir­te sind recht­zei­tig zuvor von der beab­sich­tig­ten Treib­jagd zu unter­rich­ten, um ihnen die Mög­lich­keit zum vor­über­ge­hen­den Einstal­len der Tie­re zu geben. Wird dies unter­las­sen und der Land­wirt ver­un­fallt beim Ein­fan­gen sei­ner aus­ge­bro­che­nen Rin­der, kann ein Anspruch auf Scha­dens­er­satz bestehen.

Der Rinderausbruch bei der Treibjagd

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Jagd­päch­ter und Ver­an­stal­ter einer Treib­jagd ver­pflich­tet, einem Land­wirt dem Grun­de nach Scha­den­er­satz zu zah­len, weil sei­ne Rin­der infol­ge des Jagd­ge­sche­hens aus der umzäun­ten Wei­de aus­bra­chen und der Land­wirt beim Ein­fan­gen der Tie­re ver­un­fall­te. Die Beklag­ten ver­an­stal­te­ten im Dezem­ber 2009 in ihrem Jagd­re­vier eine Treib­jagd mit meh­re­ren Jägern und Jagd­hun­den in unmit­tel­ba­rer Nähe des land­wirt­schaft­li­chen Anwe­sens des Klä­gers. Ein von einem Jagd­gast geführ­ter Jagd­hund lief dabei auf die Rin­der­wei­de des Klä­gers und ver­setz­te drei dort gra­sen­de Rin­der in Panik. Die Tie­re durch­bra­chen den Zaun und muss­ten vom Klä­ger wie­der ein­ge­fan­gen wer­den. Dabei stürz­te der Klä­ger und zog sich einen kom­pli­zier­ten Split­ter­bruch der rech­ten Hand zu.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg han­delt es sich hier um die schuld­haf­te Ver­let­zung einer Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht durch die Jagd­päch­ter. Der Jagd­aus­übungs­be­rech­ti­ge als Ver­an­stal­ter und Orga­ni­sa­tor einer gemein­schaft­li­chen Jagd sei dafür ver­ant­wort­lich, dass Drit­te nicht durch jagd­ty­pi­sche Gefah­ren zu Scha­den kämen. Des­halb sei­en Jagd­päch­ter ver­pflich­tet, sich vor Beginn der Treib­jagd dar­über zu ver­ge­wis­sern, ob sich in dem kon­kret zu durch­ja­gen­den Berei­chen Nutz­tie­re befän­den, wel­che durch Schüs­se oder durch­stö­bern­de Hun­de gefähr­det wer­den könn­ten. Wer dies unter­las­se, haf­te danach auch für Schä­den, die durch das Ein­fan­gen flüch­ten­der Nutz­tie­re ent­stün­den.

Zwar ent­hal­te die ein­schlä­gi­ge Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift Jagd (UVV Jagd) kei­ne all­ge­mei­nen Pflich­ten zur vor­he­ri­gen Infor­ma­ti­on der Land­wir­te, wel­che im Jagd­re­vier in ein­ge­zäun­ten Wei­den Nutz­tie­re hal­ten. Die Rege­lung der UVV Jagd beinhal­te aber kei­ne abschlie­ßen­den Ver­hal­tens­an­for­de­run­gen. Dies gel­te auch für die Fra­ge, ob und in wel­chem Abstand mit nicht ange­lein­ten Jagd­hun­den an einer Rin­der­wei­de vor­bei eine Treib­jagd durch­ge­führt wer­den dür­fe. Die Land­wir­te sei­en recht­zei­tig zuvor von der beab­sich­tig­ten Treib­jagd zu unter­rich­ten, um ihnen die Mög­lich­keit zum vor­über­ge­hen­den Einstal­len der Tie­re zu geben. Andern­falls müs­se im aus­rei­chen­den Abstand mit ange­lein­ten Jagd­hun­den der Gefah­ren­be­reich weit­räu­mig umlau­fen wer­den, um ein Durch­stö­bern der Wei­de durch die Jagd­hun­de und damit die Gefahr einer panik­ar­ti­gen Reak­ti­on der Tie­re zu ver­hin­dern.

Auf ein Mit­ver­schul­den des Klä­gers hat das Ober­lan­des­ge­richt nicht erkannt, weil dem Klä­ger die Treib­jagd zuvor nicht ange­kün­digt wor­den war. Zudem sei der Klä­ger zum Ein­fan­gen der Rin­der ver­pflich­tet gewe­sen, um sei­ner­seits als Tier­hal­ter eine Gefähr­dung des Stra­ßen­ver­kehrs abzu­wen­den. Weil sich die Rin­der­wei­de in der Nähe meh­re­rer viel­be­fah­re­ner öffent­li­cher Stra­ßen befand, sei ein wei­te­res Zuwar­ten nicht ver­tret­bar gewe­sen. Dies fol­ge bereits dar­aus, dass sich die Abend­däm­me­rung ein­ge­stellt habe und ein Ein­fan­gen der bereits meh­re­re Kilo­me­ter weit lau­fen­den Tie­re durch die Dun­kel­heit erheb­lich erschwert wor­den sei. Wenn der Klä­ger in die­ser Situa­ti­on neben einem Rind her­lau­fe und das Tier durch Klop­fen am Hals zum Lau­fen in Rich­tung einer Kop­pel habe bewe­gen wol­len, so sei die­ses Ver­hal­ten zwar gefähr­lich, recht­fer­ti­ge aber als letz­tes Mit­tel gleich­wohl noch kein Mit­ver­schul­den.

Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg, Urteil vom 5. Dezem­ber 2013 — 14 U 8013 1