Wildschaden bei Erstaufforstungen

§ 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG ist, soweit Wild­scha­den an Forst­kul­tu­ren, die durch Ein­brin­gen ande­rer als der im Jagd­be­zirk vor­kom­men­den Haupt­holz­ar­ten einer erhöh­ten Gefähr­dung aus­ge­setzt sind, nur bei Her­stel­lung übli­cher Schutz­vor­rich­tun­gen ersetzt wird, nicht ana­log auf soge­nann­te Erst­auf­fors­tun­gen anwend­bar, bei denen erst­mals im Jagd­be­zirk ein Forst­be­stand geschaf­fen wird und des­halb kei­ne Haupt­holz­art exis­tiert.

Wildschaden bei Erstaufforstungen

§ 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG ist auf Erst­auf­fors­tun­gen nicht anwend­bar.

Nach § 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG ist der Wild­scha­den, der an Wein­ber­gen, Gär­ten, Obst­gär­ten, Baum­schu­len, Alle­en, ein­zel­ste­hen­den Bäu­men, Forst­kul­tu­ren, die durch Ein­brin­gen ande­rer als der im Jagd­be­zirk vor­kom­men­den Haupt­holz­ar­ten einer erhöh­ten Gefähr­dung aus­ge­setzt sind, oder Frei­land­pflan­zun­gen von Gar­ten- oder hoch­wer­ti­gen Han­dels­ge­wäch­sen ent­steht, vor­be­halt­lich abwei­chen­der — hier in nicht exis­tie­ren­der — lan­des­recht­li­cher Bestim­mun­gen nicht zu erset­zen, wenn die Her­stel­lung von übli­chen Schutz­vor­rich­tun­gen unter­blie­ben ist, die unter gewöhn­li­chen Umstän­den zur Abwen­dung des Scha­dens aus­rei­chen. Der Gesetz­ge­ber ist inso­weit davon aus­ge­gan­gen, dass Anla­gen und Anpflan­zun­gen der bezeich­ne­ten Art einer erhöh­ten Wild­scha­dens­ge­fahr aus­ge­setzt sind und des­halb einen beson­de­ren Schutz durch den Eigen­tü­mer oder sons­ti­gen Nut­zungs­be­rech­tig­ten erfor­dern1.

Erst­auf­fors­tun­gen in einem Jagd­be­zirk wer­den vom Wort­laut des Geset­zes nicht erfasst. Denn wird erst­mals in einem Jagd­be­zirk eine Forst­kul­tur ange­pflanzt und dadurch über­haupt erst­mals ein Forst­be­stand geschaf­fen, exis­tiert kei­ne Haupt­holz­art, von der die neu ein­ge­brach­te Forst­kul­tur abwei­chen kann. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts Neu­bran­den­burg2 lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG jedoch nicht vor.

Eine Ana­lo­gie ist nur zuläs­sig, wenn das Gesetz eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ent­hält. Die Lücke muss sich also aus dem unbe­ab­sich­tig­ten Abwei­chen des Gesetz­ge­bers von sei­nem dem kon­kre­ten Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zugrun­de lie­gen­den Rege­lungs­plan erge­ben. Dar­über hin­aus muss der zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt in recht­li­cher Hin­sicht soweit mit dem vom Gesetz­ge­ber gere­gel­ten Tat­be­stand ver­gleich­bar sein, dass ange­nom­men wer­den kann, der Gesetz­ge­ber wäre bei einer Inter­es­sen­ab­wä­gung, bei der er sich von den glei­chen Grund­sät­zen hät­te lei­ten las­sen wie beim Erlass der her­an­ge­zo­ge­nen Norm, zum glei­chen Abwä­gungs­er­geb­nis gekom­men3.

Im vor­lie­gen­den Fall lässt sich bereits nicht fest­stel­len, dass eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke vor­liegt.

Die Fra­ge des Wild­scha­dens­er­sat­zes an Forst­kul­tu­ren gehör­te zu den zen­tra­len The­men im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zum Bun­des­jagd­ge­setz4. Die Wild- und Jagd­scha­den­haf­tung war ursprüng­lich im Bür­ger­li­chen Gesetz­buch gere­gelt. Die ein­schlä­gi­ge Vor­schrift des § 835 BGB hat­te selbst kei­ne Ein­schrän­kun­gen für den Wild­scha­dens­er­satz vor­ge­se­hen. Nach Art. 71 Nr. 4 EGBGB blie­ben frei­lich etwai­ge lan­des­ge­setz­li­che Vor­schrif­ten unbe­rührt, nach denen der Wild­scha­den an Gär­ten, Obst­gär­ten, Wein­ber­gen, Baum­schu­len und ein­zel­ste­hen­den Bäu­men nur bei Her­stel­lung übli­cher, unter gewöhn­li­chen Umstän­den zur Abwen­dung des Scha­dens aus­rei­chen­der Schutz­vor­rich­tun­gen zu erset­zen war. Durch das Reichs­jagd­ge­setz vom 03.07.19345 wur­den die vor­ge­nann­ten Bestim­mun­gen auf­ge­ho­ben (§ 71 Abs. 2 Nr. 1, 2 RJagdG) und der Aus­schluss von Wild­schä­den bei unter­blie­be­nen Schutz­vor­rich­tun­gen ein­heit­lich in § 47 Abs. 2 RJagdG gere­gelt. Die­se Bestim­mung ent­sprach dem frü­he­ren Art. 71 Nr. 4 EGBGB, wobei aller­dings der Haf­tungs­aus­schluss auf Alle­en, Forst­kul­tu­ren und Frei­land­pflan­zun­gen von Gar­ten- oder hoch­wer­ti­gen Han­dels­ge­wäch­sen aus­ge­dehnt wur­de. Der nach § 47 Abs. 2 RJagdG ein­ge­schränk­te Schutz von Forst­kul­tu­ren all­ge­mein ist vom Bun­des­ge­setz­ge­ber jedoch bewusst nicht über­nom­men wor­den. § 34 Abs. 2 Satz 1 des Ent­wurfs eines Bun­des-Jagd­ge­set­zes der Bun­des­re­gie­rung vom 20.01.1951, der ansons­ten inhalt­lich mit § 47 Abs. 2 RJagdG völ­lig über­ein­stimm­te, erwähn­te die Forst­kul­tu­ren in § 34 Abs. 2 BJagdG über­haupt nicht6. Wäh­rend der anschlie­ßen­den Bera­tun­gen des Aus­schus­ses für Ernäh­rung, Land­wirt­schaft und Fors­ten sowie des Unter­aus­schus­ses Jagd setz­te sich der Deut­sche Jagd­schutz-Ver­band (DJSV) dafür ein, dass der Wild­scha­den an Forst­kul­tu­ren bei aus­ge­blie­be­nen Schutz­vor­rich­tun­gen des Geschä­dig­ten gene­rell aus­ge­schlos­sen wer­den soll­te. Zur Begrün­dung wies der Ver­band dar­auf hin, es sei nicht ein­zu­se­hen, „wes­halb die Forst­kul­tu­ren anders als Obst­kul­tu­ren, Wein­gär­ten usw. behan­delt wer­den sol­len. In bei­den Fäl­len han­delt es sich um hoch­wer­ti­ge Anpflan­zun­gen, die eine unter­schied­li­che recht­li­che Behand­lung nicht als gerecht­fer­tigt erschei­nen las­sen.” Auch wür­den „erfah­rungs­ge­mäß die­se frisch ein­ge­brach­ten Holz­ar­ten beson­ders ger­ne ver­bis­sen„7. Dem folg­te der Aus­schuss für Ernäh­rung, Land­wirt­schaft und Fors­ten jedoch nur in dem Umfang, wie dies spä­ter im Gesetz in § 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG nie­der­ge­legt wor­den ist8. Hier­bei hat sich der Aus­schuss in der Sache — was den Bezug zur Haupt­holz­art im Jagd­be­zirk anbe­trifft — erkenn­bar an den im Schrei­ben des DJSV vom 09.06.1951 erwähn­ten — in der Pra­xis damals häu­fi­ger vor­kom­men­den — Fäl­len der Wie­der­auf­fors­tung von Kahl­flä­chen in Kie­fern­ge­bie­ten mit Pap­peln und der Ver­än­de­rung von Mono­kul­tu­ren durch Ein­brin­gung von Misch­holz­ar­ten ori­en­tiert, hier­auf aber die gesetz­li­che Rege­lung beschränkt. Erneu­te Bemü­hun­gen des Deut­schen Jagd­schutz-Ver­bands, Forst­kul­tu­ren in wei­te­rem Umfang der Son­der­re­ge­lung in § 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG zu unter­stel­len9, hat­ten kei­nen Erfolg10.

Die­se Ent­ste­hungs­ge­schich­te ver­deut­licht, dass sich der Gesetz­ge­ber mit der Fra­ge, ob und inwie­weit Wild­schä­den an Forst­kul­tu­ren auch bei Unter­blei­ben von aus­rei­chen­den Siche­rungs­maß­nah­men ersetzt wer­den soll, inten­siv befasst hat. Er hat, obwohl Forst­kul­tu­ren, das heißt jun­ge Forst­pflan­zen gene­rell für das Wild attrak­tiv sind, nur eine bestimm­te Fall­grup­pe her­aus­ge­grif­fen. Die­se ist auch nicht dahin­ge­hend defi­niert wor­den, dass alle Forst­kul­tu­ren, die — aus wel­chen Grün­den auch immer — einer erhöh­ten Gefähr­dung aus­ge­setzt sind, geschützt wer­den müs­sen. Viel­mehr erfasst das Gesetz nur den Fall, dass sich die erhöh­te Gefähr­dung aus dem Umstand ergibt, dass sich die ein­ge­brach­te Holz­art von den bereits vor­han­de­nen Haupt­holz­ar­ten im Jagd­be­zirk unter­schei­det und des­halb für das Wild zusätz­lich attrak­tiv ist. Ange­sichts die­ser Beschrän­kung kön­nen nicht ande­re Fall­grup­pen, in denen nach rich­ter­li­cher Auf­fas­sung eben­falls eine erhöh­te Gefähr­dung vor­lie­gen soll, im Wege der Ana­lo­gie in die gesetz­li­che Rege­lung ein­be­zo­gen wer­den. Damit lässt sich auch nicht im Hin­blick auf die tat­be­stand­lich ande­re Fall­grup­pe einer Erst­auf­fors­tung eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke fest­stel­len. Dem ent­spricht es im Übri­gen, dass im Schrift­tum häu­fig aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass es sich bei den von § 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG erfass­ten Son­der­kul­tu­ren um eine abschlie­ßen­de Auf­zäh­lung han­de­le11.

Haupt­holz­ar­ten sind nur die im betrof­fe­nen Jagd­be­zirk tat­säch­lich vor­kom­men­den und auf einem wesent­li­chen Flä­chen­teil sto­cken­den Arten; hier­von kann nicht gespro­chen wer­den, wenn bezo­gen auf den gesam­ten Jagd­be­zirk eine bestimm­te Holz­art nur unwe­sent­lich bezie­hungs­wei­se ver­ein­zelt vor­kommt12.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Dezem­ber 2014 — III ZR 6114

  1. vgl. nur BGH, Urteil vom 08.05.1957 — V ZR 15055, RdL 1957, 191, 193 und BGH, Urteil vom 22.07.2004 — III ZR 35903, NJW-RR 2004, 1468 []
  2. LG Neu­bran­den­burg, Urteil vom 05.02.2014 — 1 S 4811 []
  3. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 17.11.2009 — XI ZR 3609, BGHZ 183, 169 Rn. 23; und vom 21.01.2010 — IX ZR 6509, BGHZ 184, 101 Rn. 32, jeweils mwN []
  4. vgl. nur Har­ders, Das Bun­des­jagd­ge­setz von 1952 sowie die Novel­len von 1961 und 1976, S. 118; Mitzschke/Schäfer, BJagdG, 4. Aufl., Ein­lei­tung Rn. 12 []
  5. RGBl. — I S. 549 []
  6. vgl. BT-Drs. Nr. 1813 S. 13 f []
  7. Schrei­ben des DJSV vom 09.06.1951, Par­la­ments­ar­chiv Ber­lin I/358, sons­ti­ges Mate­ri­al, Bl. 25; sie­he auch Har­ders aaO S. 131 f []
  8. Kurz­pro­to­koll der 96. und 97. Sit­zung vom 18. und 19.02.1952, Par­la­ments­ar­chiv Ber­lin I/358, Bl. 26 []
  9. Schrei­ben des DJSV vom 11.03.1952 an den Aus­schuss, Par­la­ments­ar­chiv Ber­lin I/358, sons­ti­ges Mate­ri­al Bl. 29 []
  10. vgl. auch Har­ders aaO S. 148 f []
  11. vgl. nur Kon­rad, Wild­scha­dens­er­satz in gemein­schaft­li­chen Jagd­be­zir­ken nach § 29 Abs. 1 BJagdG, S. 155; Mitzschke/Schäfer aaO § 32 Rn. 2; Mey­er-Raven­stein, Jagd­recht in Sach­sen-Anhalt, 7. Aufl. § 32 BJagd, § 35 LJagdG Rn. 4; Par­dey, Jagd­recht in Nie­der­sach­sen, § 32 BJagdG/§ 34 NJagdG Anm. 3; Rose, Jagd­recht in Nord­rhein-West­fa­len, 2. Aufl., § 32 BJagdG Anm. 2; Schallenberg/Knemeyer, Jagd­recht Nord­rhein-West­fa­len, 6. Aufl., Rn. 468; sie­he auch AG Wals­ro­de, RdL 1990, 151, 152 []
  12. vgl. nur OLG Hamm, AgrarR 1996, 265, 266; LG Flens­burg, EJS — II S. 14 Nr. 5; Leon­hardt, Jagd­recht, § 32 BJagdG Erl. 9; Lorz/Metzger/Stöckel, Jagd­recht, 4. Aufl., § 32 BJagdG Rn. 7; Mitzschke/Schäfer aaO § 32 Rn.15; Schulz, Das Jagd­recht in Meck­len­burg-Vor­pom­mern, § 28 LJagdG M‑V Anm.02.02.01.2; Schuck/Stamp, BJagdG § 32 Rn. 16; Thies, Wild- und Jagd­scha­den, 9. Aufl., S. 28 []