Grundstückseigentümer und die Duldung der Jagd

Nun hat die Gro­ße Kam­mer des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te ent­schie­den, dass in der zwangs­wei­sen Dul­dung der Jagd auf dem Grund­stücks­ei­gen­tum eines Geg­ners der Jagd eine Ver­let­zung des Arti­kels 1 Pro­to­koll Nr. 1 EMRK liegt.

Grundstückseigentümer und die Duldung der Jagd

Mit die­ser Ent­schei­dung hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te einem deut­schen Beschwer­de­füh­rer Recht gege­ben, der mit sei­nem Anlie­gen, die Zwangs­mit­glied­schaft in der Jagd­ge­nos­sen­schaft been­den zu wol­len, bei den deut­schen Gerich­ten nicht durch­ge­drun­gen war. Damit folg­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te sei­nen Schluss­fol­ge­run­gen in zwei frü­he­ren Urtei­len, die das Jagd­recht in Frank­reich und Luxem­burg betra­fen.

Der Beschwer­de­füh­rer, Gün­ter Herr­mann, ist deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger und als Eigen­tü­mer von zwei Grund­stü­cken unter 75 Hekt­ar in Rhein­land-Pfalz nach dem Bun­des­jagd­ge­setz auto­ma­tisch Mit­glied in der Jagd­ge­nos­sen­schaft Lang­sur und muss die Jagd auf sei­nem Grund­stück dul­den. Da er die Jagd aus Gewis­sens­grün­den ablehnt, bean­trag­te Herr Herr­mann bei der zustän­di­gen Jagd­be­hör­de die Been­di­gung sei­ner Mit­glied­schaft in der Jagd­ge­nos­sen­schaft. Die Behör­de wies den Antrag zurück, eben­so wie das Ver­wal­tungs­ge­richt Trier. Sei­ne Beru­fung zum Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Rhein­land-Pfalz und zum Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt blieb erfolg­los. Am 13. Dezem­ber 2006 lehn­te es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ab, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de Herrn Herr­manns zur Ent­schei­dung anzu­neh­men1. Es unter­strich ins­be­son­de­re, dass das Bun­des­jagd­ge­setz auf die Erhal­tung eines den land­schaft­li­chen und lan­des­kul­tu­rel­len Ver­hält­nis­sen ange­pass­ten arten­rei­chen und gesun­den Wild­tier­be­stan­des abzie­le. Die ver­pflich­ten­de Mit­glied­schaft in der Jagd­ge­nos­sen­schaft sei zur Ver­wirk­li­chung die­ses Zwecks ange­mes­sen und not­wen­dig und ver­let­ze weder Herrn Herr­manns Eigen­tums­grund­recht noch sei­ne Gewis­sens- oder Ver­ei­ni­gungs­frei­heit. Auch sei der Gleich­heits­satz nicht ver­letzt, da das Bun­des­jagd­ge­setz für alle Grund­stücks­ei­gen­tü­mer gel­te und Eigen­tü­mer von Grund­stü­cken mit 75 Hekt­ar oder mehr zwar nicht auto­ma­tisch Mit­glie­der in einer Jagd­ge­nos­sen­schaft, gleich­wohl aber ver­pflich­tet sei­en, auf ihrem Land ent­we­der selbst
zu jagen oder die Jagd zu dul­den.

Beschwerde beim EGMR

Herr Herr­mann rüg­te, dass die Ver­pflich­tung, die Jagd auf sei­nem Grund­stück zu dul­den gegen sei­ne Rech­te nach Arti­kel 1 Pro­to­koll Nr. 1 zur EMRK für sich genom­men und in Ver­bin­dung mit Arti­kel 14 EMRK (Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot) ver­sto­ße. Wei­ter­hin mach­te er einen Ver­stoß gegen Arti­kel 9 (Gedanken‑, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit) und Arti­kel 11 (Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit) für sich genom­men und in Ver­bin­dung mit Arti­kel 14 gel­tend.

Die Beschwer­de wur­de am 12. Febru­ar 2007 beim Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ein­ge­legt. In sei­nem Kam­mer­ur­teil vom 20. Janu­ar 2011 erklär­te der Gerichts­hof mit einer Mehr­heit der Stim­men die Beschwer­de nach Arti­kel 11 für sich genom­men und in Ver­bin­dung mit Arti­kel 14 für unzu­läs­sig und stell­te kei­nen Ver­stoß gegen Arti­kel 1 Pro­to­koll Nr. 1, Arti­kel 14 oder Arti­kel 9 fest. Am 20. Juni 2011 wur­de der Fall auf Antrag Herrn Herr­manns an die Gro­ße Kam­mer ver­wie­sen; eine münd­li­che Ver­hand­lung fand am 30. Novem­ber 2011 statt.

Die fol­gen­den Orga­ni­sa­tio­nen gaben als Dritt­par­tei­en schrift­li­che Stel­lung­nah­men ab:
Deut­scher Jagd­schutz Ver­band (DJV)
Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Jagd­ge­nos­sen­schaf­ten und Eigen­jagd­be­sit­zer (BAGJE)
European Cent­re for Law and Jus­ti­ce (ECLJ)

Entscheidung des EGMR

Das Urteil wur­de von der Gro­ßen Kam­mer mit sieb­zehn Rich­tern mit einer Mehr­heit der Stim­men gefällt. Dabei äußer­te Rich­ter Pin­to de Albu­quer­que eine teil­wei­se zustim­men­de und teil­wei­se abwei­chen­de Mei­nung. Die Rich­ter Davíd Thór Björg­v­ins­son, Vuci­nic und Nuß­ber­ger äußer­ten eine gemein­sa­me abwei­chen­de Mei­nung.

In sei­nem Urteil unter­strich der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, dass sich die Gro­ße Kam­mer nicht mit dem bereits von der Kam­mer für unzu­läs­sig erklär­ten Teil der Beschwer­de, nach Arti­kel 11 für sich genom­men und in Ver­bin­dung mit Arti­kel 14, befas­sen konn­te. Wei­ter­hin konn­te er sich nicht mit einer Beschwer­de Herrn Herr­manns nach Arti­kel 8 EMRK (Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens) befas­sen, die die­ser im Ver­fah­ren vor der Kam­mer nicht vor­ge­bracht hat­te.

Zwi­schen den Par­tei­en war unum­strit­ten — und der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te teil­te die­se Auf­fas­sung — dass die Ver­pflich­tung, die Jagd auf sei­nem Grund­stück zu dul­den, einen Ein­griff in Herrn Herr­manns Recht auf Ach­tung sei­nes Eigen­tums dar­stellt. Wei­ter­hin berück­sich­tig­te der Gerichts­hof, dass das deut­sche Jagd­recht als ein Mit­tel zur Rege­lung der Benut­zung des Eigen­tums im Ein­klang mit dem All­ge­mein­in­ter­es­se im Sin­ne von Arti­kel 1 Pro­to­koll Nr. 1 gel­ten kann.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te bezog sich auf zwei ande­re Fäl­le, in denen er unter­sucht hat­te, inwie­weit die Ver­pflich­tung von Grund­stücks­ei­gen­tü­mern, die Jagd auf ihrem Land zu dul­den, mit der Kon­ven­ti­on ver­ein­bar ist. In sei­nem Urteil der Gro­ßen Kam­mer im Fall Chassa­gnou und ande­re gegen Frank­reich war er zu der Auf­fas­sung gelangt, dass Eigen­tü­mern klei­ne­rer Land­stü­cke eine unver­hält­nis­mä­ßi­ge Belas­tung durch die Ver­pflich­tung auf­er­legt wird, Drit­ten Jagd­rech­te auf ihrem Land zu über­tra­gen, so dass die­se davon in einer Wei­se Gebrauch machen kön­nen, die den Über­zeu­gun­gen der Eigen­tü­mer zuwi­der­läuft. Der Gerichts­hof sah dar­in einen Ver­stoß gegen Arti­kel 1 Pro­to­koll Nr. 1. In sei­nem Kam­mer­ur­teil im Fall Schnei­der gegen Luxem­burg hat­te er die­se Schluss­fol­ge­run­gen bestä­tigt2. Seit Ver­kün­dung die­ser Urtei­le hat­ten meh­re­re euro­päi­sche Staa­ten ihre Gesetz­ge­bung oder Recht­spre­chung dahin­ge­hend geän­dert, dass Grund­stücks­ei­gen­tü­mer die Mög­lich­keit haben, gegen die Jagd auf ihrem Land Ein­spruch zu erhe­ben oder ihre Mit­glied­schaft in einer Jagd­ge­nos­sen­schaft unter bestimm­ten Bedin­gun­gen zu been­den.

Folg­lich hat­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te zu prü­fen, ob sich — wie die deut­sche Bun­des­re­gie­rung argu­men­tiert hat­te — das deut­sche Jagd­recht und sei­ne Anwen­dung im Fall Herrn Herr­manns maß­geb­lich von der Sach- und Rechts­la­ge in Frank­reich und Luxem­burg zur Zeit der bei­den frü­he­ren Urtei­le unter­schied. Der Gerichts­hof stell­te fest, dass zu den Zwe­cken des Bun­des­jagd­ge­set­zes die Hege mit dem Ziel der Erhal­tung eines arten­rei­chen und gesun­den Wild­tier­be­stan­des gehört. In die­ser Hin­sicht unter­schied sich das deut­sche Recht nicht wesent­lich von der ent­spre­chen­den Gesetz­ge­bung in Frank­reich und Luxem­burg, die ver­gleich­ba­re Zie­le ver­folg­te, näm­lich die „ratio­na­le Orga­ni­sa­ti­on der Jagd im Ein­klang mit der Ach­tung der Umwelt“ bzw. das „ratio­na­le Manage­ment des Wild­be­stan­des und der Erhalt des öko­lo­gi­schen Gleich­ge­wichts“.

Die Bun­des­re­gie­rung hat­te her­vor­ge­ho­ben, dass das deut­sche Jagd­recht bun­des­weit gilt, wäh­rend die maß­geb­li­che fran­zö­si­sche Gesetz­ge­bung nur in eini­gen Départ­ments Anwen­dung fand. Der Gerichts­hof nahm aber zur Kennt­nis, dass eine Grund­ge­setz­än­de­rung von 2006 den deut­schen Län­dern die Mög­lich­keit gege­ben hat­te – von der sie bis­her noch nicht Gebrauch gemacht haben — im Jagd­we­sen von der Gesetz­ge­bung des Bun­des abwei­chen­de Rege­lun­gen zu tref­fen. Zudem hat­te die lan­des­wei­te Anwend­bar­keit des luxem­bur­gi­schen Jagd­rechts den Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te nicht davon abge­hal­ten, im Fall Schnei­der einen Ver­stoß gegen die Kon­ven­ti­on fest­zu­stel­len. Im Übri­gen sieht die Gesetz­ge­bung in allen drei Län­dern bestimm­te räum­li­che und per­so­nen­be­zo­ge­ne Aus­nah­men vor. So sind Natur- und Wild­schutz­ge­bie­te in Frank­reich und Deutsch­land von Jagd­be­zir­ken aus­ge­schlos­sen. In Frank­reich und Luxem­burg sind staat­li­cher Grund­be­sitz bzw. Land im Eigen­tum des Groß­her­zogs von Jagd­be­zir­ken aus­ge­schlos­sen, wäh­rend es in Deutsch­land unter­schied­li­che Rege­lun­gen je nach Grö­ße des Grund­ei­gen­tums gibt. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te befand, dass die­se Unter­schie­de im Anwen­dungs­be­reich der jewei­li­gen Gesetz­ge­bung in den drei Län­dern nicht als ent­schei­dend gel­ten kön­nen.

Wäh­rend das fran­zö­si­sche Recht Grund­ei­gen­tü­mern, die die Jagd ablehn­ten, kei­ner­lei finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung für die Ver­pflich­tung, die­se auf ihrem Land zuzu­las­sen, zubil­lig­te, sah bzw. sieht das luxem­bur­gi­sche und deut­sche Recht vor, dass Mit­glie­der der Jagd­ge­nos­sen­schaf­ten einen Anteil des Ertrags aus der Ver­pach­tung erhal­ten. In Deutsch­land muss der Anspruch auf eine sol­che Aus­zah­lung aus­drück­lich gel­tend gemacht wer­den. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te war der Auf­fas­sung, dass die Ver­pflich­tung eines Jagd­geg­ners, für die von ihm abge­lehn­te Tätig­keit eine Ent­schä­di­gung gel­tend zu machen, nicht mit der Ach­tung für die Ableh­nung der Jagd aus Gewis­sens­grün­den in Ein­klang zu brin­gen war. Es war zwei­fel­haft, ob tie­fe per­sön­li­che Über­zeu­gun­gen durch eine Ent­schä­di­gungs­zah­lung auf­zu­wie­gen waren. Im Übri­gen berück­sich­tigt das Bun­des­jagd­ge­setz nicht aus­drück­lich die ethi­sche Über­zeu­gung von Grund­ei­gen­tü­mern, die die Jagd aus Gewis­sens­grün­den ableh­nen.

Der Gerichts­hof gelang­te zu der Auf­fas­sung, dass sich die Situa­ti­on in Deutsch­land nicht sub­stan­ti­ell von der­je­ni­gen unter­schied, die er in den Fäl­len Chassa­gnou und Schnei­der geprüft hat­te. Er sah daher kei­nen Grund, von sei­nen Schluss­fol­ge­run­gen in die­sen Fäl­len abzu­wei­chen, dass die Ver­pflich­tung, die Jagd auf ihrem Land zu dul­den, obwohl sie die­se aus Gewis­sens­grün­den ableh­nen, Grund­stücks­ei­gen­tü­mern eine unver­hält­nis­mä­ßi­ge Belas­tung auf­er­legt. Folg­lich lag eine Ver­let­zung von Arti­kel 1 Pro­to­koll Nr. 1 vor.

Verletzung Art. 14 (Diskriminierungsverbot) und 9 (Gedanken‑, Gewissens- und Religionsfreiheit) EMRK

In Anbe­tracht sei­ner Schluss­fol­ge­run­gen im Hin­blick auf die Beschwer­de nach Arti­kel 1 Pro­to­koll Nr. 1 sah der­Eu­ro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te kei­ne Not­wen­dig­keit, die Beschwer­den Herrn Herr­manns nach Arti­kel 14 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 1 Pro­to­koll Nr. 1 oder nach Arti­kel 9 sepa­rat zu prü­fen.

Artikel 41 (gerechte Entschädigung)

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ent­schied, dass Deutsch­land Herrn Herr­mann 5.000 Euro für den erlit­te­nen imma­te­ri­el­len Scha­den und 3.861,91 Euro für die ent­stan­de­nen Kos­ten zu zah­len hat.

Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Urteil vom 26. Juni 2012 — 930007, Herr­mann gegen Deutsch­land

  1. BVerfG, vom 13.12.2006 — 1 BvR 208405 []
  2. EGMR, Urteil vom 29.04.1999 — 2508894, 2833195 und 2844395, Chassa­gnou und ande­re gegen Frank­reich und Urteil vom 10.07.2007 — 211304, Schnei­der gegen Luxem­burg []