Der Jäger und der rheinische Spargel

Zumin­dest für Jäger in Nord­rhein-West­fa­len ist Spar­gel ein Gar­ten­ge­wächs und kein Feld­ge­wächs. Sagt der Bun­des­ge­richts­hof.

Der Jäger und der rheinische Spargel

Die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob der feld­mä­ßi­ge Anbau eines her­kömm­li­chen Gar­ten­ge­wäch­ses – in dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit des Spar­gels – in der betref­fen­den Regi­on als Teil der land­wirt­schaft­li­chen Erzeu­gung eini­ges Gewicht hat, unter­liegt der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung. Dabei kann vor allem dem Anteil des feld­mä­ßi­gen Anbaus des betref­fen­den Gewäch­ses an der Gesamt­acker­flä­che bzw. der gesam­ten land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che in die­ser Regi­on beson­de­re Bedeu­tung zukom­men.

Hin­ter­grund die­ser Ent­schei­dung des BGH war ein Rechts­streit über den Ersatz von Wild­scha­den: Der Ersatz des Wild­scha­dens nach § 29 BJagdG ist gemäß § 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG unter ande­rem dann aus­ge­schlos­sen, wenn Frei­land­pflan­zun­gen von Gar­ten­ge­wäch­sen betrof­fen sind und die Her­stel­lung von übli­chen Schutz­vor­rich­tun­gen unter­blie­ben ist, die unter gewöhn­li­chen Umstän­den zur Abwen­dung des Scha­dens aus­rei­chen. Da der kla­gen­de Land­wirt sol­che Schutz­vor­keh­run­gen nicht getrof­fen hat, war es in dem BGH-Fall ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob es sich bei dem vom Klä­ger ange­bau­ten Spar­gel um Gar­ten­ge­wäch­se han­delt oder aber um Feld­ge­wäch­se, die von § 32 Abs. 2 Satz 1 BJagdG nicht erfasst wer­den. Sowohl das erst­in­stanz­lich mit dem Rechts­streit befass­te Amts­ge­richt Gre­ven­broich wie auch in der Beru­fungs­in­stanz das Land­ge­richt Mön­chen­glad­bach waren zu dem Ergeb­nis gelangt, dass der Spar­ge­l­an­bau des Klä­gers als Gar­ten­ge­wächs anzu­se­hen ist. Dem ist der Bun­des­ge­richts­hof jetzt gefolgt:

In sei­nem Urteil vom 8. Mai 1957 hat der Bun­des­ge­richts­hof aus­ge­spro­chen, dass übli­cher­wei­se in Gär­ten und in der für Gärt­ne­rei­en typi­schen Anbau­wei­se gezo­ge­ne Pflan­zen ihre hier­durch ver­mit­tel­te Eigen­schaft als Gar­ten­ge­wäch­se nicht schon dadurch ver­lie­ren, dass sie feld­mä­ßig ange­baut wer­den; dies ergibt sich aus dem ein­deu­ti­gen Wort­laut sowie aus dem Sinn und Zweck der Rege­lung des § 32 Abs. 2 BJagdG. Der BGH hat die­se Recht­spre­chung in sei­nem Urteil vom 22. Juli 2004 auf­ge­nom­men und fort­ge­führt. Er hat dar­ge­legt, dass es durch­aus denk­bar ist, dass gewis­se Pflan­zen in der einen Gegend als Gar­ten­ge­wäch­se, in einer ande­ren Gegend jedoch als Feld­pflan­zen anzu­se­hen sind und dass auch durch eine all­ge­mei­ne Ver­än­de­rung der Anbau­wei­se (her­kömm­li­ches) “Gar­ten­ge­wächs zur Feld­pflan­ze” wer­den kann. Soll­te im Gefol­ge einer nach­hal­ti­gen, schon über Jah­re andau­ern­den Ent­wick­lung der feld­mä­ßi­ge Anbau in einem grö­ße­ren regio­na­len – über das Gebiet eines Land­krei­ses erheb­lich hin­aus­ge­hen­den – Bereich der­art im Vor­der­grund ste­hen, dass der gar­ten­mä­ßi­ge Anbau dort kaum noch eine Rol­le spielt, und kommt dem feld­mä­ßi­gen Anbau der Pflan­ze in der betref­fen­den Regi­on als Teil der land­wirt­schaft­li­chen Erzeu­gung eini­ges Gewicht zu, so recht­fer­tigt dies für das betrof­fe­ne Gebiet die Ein­ord­nung eines her­kömm­li­chen Gar­ten­ge­wäch­ses als “Feld­ge­wächs”, für das der Haf­tungs­aus­schluss nach § 32 Abs. 2 BJagdG nicht gilt.

Für die Beant­wor­tung der Fra­ge, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen davon gespro­chen wer­den kann, dass der feld­mä­ßi­ge Anbau eines her­kömm­li­chen Gar­ten­ge­wäch­ses in der betref­fen­den Regi­on als Teil der land­wirt­schaft­li­chen Erzeu­gung eini­ges Gewicht hat, hat der Tatrich­ter die jeweils rele­van­ten Umstän­de und Bezugs­grö­ßen zu ermit­teln und abzu­wä­gen. Die Bedeu­tung und das Gewicht des feld­mä­ßi­gen Anbaus der Pflan­ze als Teil der land­wirt­schaft­li­chen Erzeu­gung in der betrof­fe­nen Regi­on kön­nen in der Grö­ße der Anbau­flä­che, in Umsatz- und Ertrags­zah­len, in der Anzahl der hier­für ein­ge­setz­ten Beschäf­tig­ten oder – vor allem – auch in dem Anteil an der Gesamt­acker­flä­che bzw. der gesam­ten land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che des Gebiets zum Aus­druck kom­men. Die damit ver­bun­de­ne Tat­sa­chen­wür­di­gung bleibt dem Tatrich­ter über­las­sen und ist vom Revi­si­ons­ge­richt nur ein­ge­schränkt über­prüf­bar.

Das Land­ge­richt Mön­chen­glad­bach ist dabei nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs in sei­nem Beru­fungs­ur­teil rechts­feh­ler­frei davon aus­ge­gan­gen, dass es sich bei Spar­gel um ein her­kömm­li­ches Gar­ten­ge­wächs han­delt. Es begeg­net auch kei­nen recht­li­chen Beden­ken, dass das Land­ge­richt die von der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auf­ge­zeig­ten Vor­aus­set­zun­gen für die Ein­ord­nung der her­kömm­li­chen Gar­ten­pflan­ze “Spar­gel” als “Feld­ge­wächs” mit der Begrün­dung ver­neint hat, der feld­mä­ßi­ge Spar­ge­l­an­bau in der betrof­fe­nen Regi­on neh­me nur einen sehr gering­fü­gi­gen Anteil von deut­lich weni­ger als 1 % der Gesamt­acker­flä­che ein.

Die Anknüp­fung an das Ver­hält­nis zur Gesamt­acker­flä­che (bzw. an der gesam­ten land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che) in der Regi­on hält sich im Rah­men der zuläs­si­gen tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung und wird, wie aus­ge­führt, auch von ande­ren Gerich­ten her­an­ge­zo­gen. Hier­bei kann der Tatrich­ter – was von der Revi­si­on auch nicht bean­stan­det wird – auf die ver­öf­fent­lich­ten sta­tis­ti­schen Zah­len für die poli­ti­schen Bezir­ke abstel­len, die zu dem jewei­li­gen Anbau­ge­biet gehö­ren. Dabei kommt es nicht ent­schei­dend dar­auf an, wel­chen Anteil der Spar­ge­l­an­bau an der Gesamt­ge­mü­se­an­bau­flä­che der Regi­on hat. Wird in einer Regi­on ins­ge­samt nur sehr wenig Gemü­se ange­baut, so kann der Anteil des feld­mä­ßi­gen Spar­ge­l­an­baus an der gesam­ten Gemü­se­an­bau­flä­che sehr hoch aus­fal­len, ohne dass dem Spar­ge­l­an­bau damit in der betref­fen­den Regi­on als Teil der land­wirt­schaft­li­chen Erzeu­gung eini­ges Gewicht zukä­me. Für sich allein genom­men ist das Ver­hält­nis zur gesam­ten Gemü­se­an­bau­flä­che kein taug­li­ches Kri­te­ri­um für die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob ein her­kömm­li­ches Gar­ten­ge­wächs zum Feld­ge­wächs gewor­den ist, da die­ser Gesichts­punkt jeden­falls dann kei­nen zuver­läs­si­gen Auf­schluss über das Gewicht des Anbaus die­ser Pflan­ze als Teil der land­wirt­schaft­li­chen Erzeu­gung in der Regi­on gibt, wenn nicht zugleich auch das Ver­hält­nis zur Gesamt­acker­flä­che (bzw. zu der gesam­ten land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­che) oder die wirt­schaft­li­che Bedeu­tung die­ses Anbaus in der betrof­fe­nen Regi­on in die Wür­di­gung mit ein­be­zo­gen wird.

Ist der Anteil des feld­mä­ßi­gen Anbaus der her­kömm­li­chen Gar­ten­pflan­ze an der Gesamt­acker­flä­che der Regi­on – wie hier – äußerst gering­fü­gig (unter 1 %), so kann der Tatrich­ter in aller Regel aus­schlie­ßen, dass die­sem Anbau in der betref­fen­den Regi­on als Teil der land­wirt­schaft­li­chen Erzeu­gung eini­ges Gewicht zukommt, und die Qua­li­fi­zie­rung der Pflan­ze als Feld­ge­wächs ver­nei­nen, ohne dass es hier­zu noch der Prü­fung wei­te­rer Gesichts­punk­te bedarf.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Dezem­ber 2009 – III ZR 13909